Zusammenfassung des HTF-Chats mit Schawn Belston von 20th Century Fox

Letzte Nacht hat das HomeTheaterForum einen Chat mit Schawn Belston - Vice President of Library and Technical Services von 20th Century Fox - abgehalten. Dabei drehte sich alles um die heute in den USA erscheinende DVD und Blu-ray, bzw. über die Restaurierung des ersten CinemaScope-Films “Das Gewand / The Robe” [USA 1953, Henry Koster]. Hier eine Zusammenfassung. Blau markierte Infos sind Antworten auf von mir gestellte Fragen:

Die Restaurierung

  • Im Oktober letzten Jahres wurden 60 Mitglieder des HTF von den Fox Studios eingeladen. Dabei wurden auch Original-Filmelemente von “The Robe” gezeigt. Diese sahen nicht sehr gut aus. Die Farben waren blass und es waren viele Defekte zu sehen. Anschließend wurden einige Minuten der restaurierten Fassung gezeigt, die eine Offenbarrung gewesen sein sollen.
  • Der Film wurde von Lowry Digital restauriert.
  • Schawn Belston ist seit etwas mehr als 10 Jahre für das Fox Archiv zuständig. Während dieser Zeit wurde vor der aktuellen Restaurierung bereits zwei Mal an “The Robe” gearbeitet. Beim ersten Mal wurde rein photochemisch vorgegangen. Das Ergebnis war zwiespältig. Der zweite Versuch erfolgte 2002/2003. Dieses Mal wurde ebenfalls photochemisch restauriert und einige digitale Tests durchgeführt. Man kam jedoch zu der Überzeugung, daß die digitalen Werkzeuge in ihrer Leistungsfähigkeit für die Probleme von “The Robe” noch nicht ausreichend entwickelt waren.
  • In Aussicht auf eine anstehenden Blu-ray-Veröffentlichung wurde der Titel nochmals in Angriff genommen. Mittlerweile waren die digitalen Werkzeuge soweit entwickelt, daß die ersten Tests von Lowry Digital überzeugen konnten.
  • “The Robe” war in solch schlechtem Zustand, da es sich um einen sehr erfolgreichen Film handelt, von dem viele Prints gezogen wurden. Somit wurde das Negativ stark in Mitleidenschaft gezogen. Bis in die späten 80er-Jahre hinein gehörten die DeLuxe-Labore zu Fox. Es gab Anweisungen, defekte Elemente des Negativs durch Duplikat-Negative zu ersetzen. Das Original-Material wurde dann vernichtet. So kommt es, daß das Negativ von “The Robe” aus etlichen Eastmancolor-Negativ-Varianten besteht. Insgesamt 13 oder 14 verschiedene Generationen von Elementen wurden in das Negativ als Ersatz eingefügt. Die wenigen noch vorhandenen Kamera-Negativ-Elemente sind außerdem nicht farbstabil.
  • Es wurde nach weiteren Materialien gesucht, aber da man das Negativ besaß, verschiedenen Audio-Printmaster und Multi-Track-Aufnahme-Master, hatte man bereits alles, was zur Restaurierung notwendig war. Das einziges Element, daß sich nicht im Besitz von Fox befand, war ein deutschsprachiger Dye-Transfer-Print aus der Sammlung von Martin Scorsese. Dieser farbstabile Print wurde projeziert und für die finale Farbbestimmung verwendet.
  • Im Vorfeld der Restaurierung wurden die vorhandenen Elemente auf ihren Zustand untersucht. Das Negativ wurde untersucht, es wurden Notizen bezüglich der verschiedenen eingefügten Elemente gemacht, Risse wurden repariert, ebenso defekte Perforationslöcher. Dann wurde ein 4k-Scan durchgeführt. Alle weiteren Arbeiten konnten somit in digitaler Form durchgeführt werden, womit das Negativ-Material nicht weiter beansprucht wurde.
  • Ein Set von YCM-Separation-Mastern aus dem Jahr 1953 wurden ebenfalls in 4k gescannt und digital zusammengefügt. Diese wurden als zweites Ausgangsmaterial für die Restaurierung verwendet.
  • Gescanned wurde in 4k, alle weiteren Restaurierungsarbeiten erfolgten jedoch in 2k.
  • Ein neues 35mm-Negativ wurde nach der Restaurierung in 4k ausbelichtet. Dieses ist leicht letterboxed, um das 2.55:1-Format im heutigen 2.35:1-Fomat unterzubringen.
  • Es wurden Tests durchgeführt, ob es sichtbare Unterschiede bei der Arbeit mit 4k-4k-4k (Scannen-Bearbeiten-Ausbelichten) oder mit 4k-2k-4k gibt. Diese waren allerdings nicht auszumachen, somit hat man sich für die Bearbeitung in 2k entschieden. Die unrestaurierten 4k-Scans werden allerdings archiviert, um darauf für eventuelle, zukünftige Neubearbeitungen mit weiterentwickelten Verfahren zurückgreifen zu können.
  • Die frühen CinemaScope-Filme haben wegen der damals verwendeten Linsen häufig Probleme mit Verzerrungen und Unschärfen. Es gab den Vorschlag seitens Lowry Digital, diese Probleme zu beheben, allerdings hat man sich dagegen entschieden, um den Film so zu präsentieren, wie er damals zu sehen war.
  • Auch sichtbare Matte-Linien wurden nicht nachträglich bearbeitet und entfernt. Allerdings hat man ein sichtbares Seil in einer Nahaufnahme von Marcellus’ Schwert entfernt. Es ist möglich, daß dies auf den alten Prints und durch die damalige Projektionstechnik nicht so stark oder vielleicht sogar gar nicht zu sehen war.
  • Die “The Robe”-Restaurierung war eine der anspruchsvollsten für Fox. Vor allem die Vorbereitungen und Tests der neuen digitalen Techniken waren zeitaufwendig. Danach verliefen die Arbeiten recht problemlos.
  • Die komplette Restaurierung hat 18 Monate in Anspruch genommen.

Die Flat-Fassung

  • “The Robe” wurde damals parallel in anamorphem CinemaScope in 2.55:1 und als Flat-Fassung in 1.33:1 gedreht. Auf der Fox Classics-Website wurden die DVD und die Blu-ray mit der CinemaScope- und der Flat-Version angekündigt. Die Flat-Version wird auf der Blu-ray als Picture-in-Picture-Feature zu sehen sein, allerdings unterbrochen durch Interviews und Erklärungen.
  • Im Zuge der Restaurierung wurde auch das Kamera-Negativ der Flat-Fassung konserviert, ebenso der Audiotrack. Neue Master wurden erstellt.
  • Ob die Flat-Fassung irgendwann einzeln erhältlich sein wird, konnte Schawn Belston nicht sagen, da er darauf keinen Einfluß hat.
  • Fox wußte bis zur Restaurierung nicht einmal, daß sie noch das Kamera-Negativ der Flat-Fassung besitzen. Dies war als ausländisches Dupe-Negativ beschriftet worden.

Der Ton

  • Die Blu-ray wird einen restaurierten, direktionalen 4.0 Links|Center|Rechts|Surround-Track und einen 5.1-Track enthalten.
  • Alle existierenden Sound-Printmaster sind Kopien (oder Kopien von Kopien) und bereiteten somit einige Probleme. Der sogenannte “wow”-Effekt war zu hören, eine ständige Änderung der Tonhöhe. Dieses Problem war mit analogen Techniken nicht zu beheben, erst durch neue digitale Methoden konnte Audio Mechanics in Burbank diesen “wow”-Effekt eliminieren. Es gab auch Diskussionen, ob dieser störende Effekt nicht bereits damals zu hören war, allerdings ist ein alter Release-Print mit Magnettonspuren aufgetaucht, auf dem er nicht zu hören war.
  • Am zeitaufwendigsten war die Ton-Restaurierung mit dem Eleminieren des “wow”-Effekts. Dies war auch der teuerste Aspekt der Restaurierung.
  • Die fremdsprachigen Audio-Tracks werden zum Großteil in den USA aufbewahrt. Während der Vorbereitungen einer Restaurierung wird aber auch in ausländischen Archiven recherchiert.

Weitere Infos

  • Über Pläne für eine deutschsprachige DVD/Blu-ray des Films konnte Schawn Belston nichts sagen, da er dafür nicht verantwortlich ist.
  • Auf der DVD/Blu-ray ist keine vorher/nachher-Restaurierungs-Demonstration zu sehen.
  • CinemaScope war ursprünglich im Format 2.66:1 geplant, mit dem 4-Kanal-Ton ausgelagert auf einen separaten Magnetton-35mm-Print (ähnlich Cinerama). In dieser Konfiguration wurde “The Robe” bei einer Fox-internen Preview aufgeführt. Dieser Print hat jedoch nicht überlebt.

4 Kommentare

  1. Mozart

    sehr schöne Zusammenfassung.

    Wie ist der aktuelle STand bei Lowry Digital hinsichtlich der Enfernung des Filmgrains?

  2. Christian Liemke

    Bezüglich der Arbeiten von Lowry Digital wurde sich nicht geäußert. Es wurde jedoch nebenbei erwähnt, daß auch im Bereich “Grain” was gemacht wurde:

    Now, we make a 4K scan—which means the film only moves through a machine once—and then make all the resulting tests in the digital domain. These tests are pretty extensive—grain level, sharpening (I’m not a fan of any), color correction, color breathing fixes, etc.

    It was the single most expensive component, if you break out each of the image related costs—grain, stability, color, cleanup, etc—into their own category.

    Ich hoffe mal, daß Lowry sich zurückgehalten hat und der Film nicht zu clean aussieht, besonders wenn man bedenkt, daß die frühen CinemaScope-Filme schon viel Filmgrain aufgewiesen haben sollen.

    Übrigens: Die komplette Mitschrift des Chats gibt’s hier.

  3. Christian Liemke

    Sehr schön! Jeder, der an diesem Chat teilgenommen hat (und das waren nicht gerade viele), konnte sich anschließend in eine Liste eintragen, um eine kostenlose DVD oder Blu-ray des Films zu erhalten. Vor einigen Tagen war noch nicht klar, ob auch Personen außerhalb der USA ihre Discs erhalten können. Vor wenigen Minuten erreichte mich eine Mail vom HTF, daß ALLE Discs verschickt wurden, auch die ins Ausland. In ein paar Tagen sollte ich wohl meine “The Robe” Blu-ray in Händen halten. :D

  4. DVDuell.de » The Robe und der (unwirksame) Regionalcode

    [...] ist meine kostenlose “Das Gewand / The Robe” [USA 1953, Henry Koster] Blu-ray von 20th Century Fox [...]

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