Wundkanal von Thomas Harlan im Mai 2009

Im Mai 2009 plant die Edition Filmmuseum Thomas Harlans kontrovers diskurtierten Film “Wundkanal” [BRD / F 1984] über und mit dem SS-Mann Alfred Filbert zu veröffentlichen. Ebenfalls auf der Doppel-DVD zu finden ist Robert Kramers “Notre Nazi” [F / BRD 1984] über die Dreharbeiten.

Die Zeit schrieb im September 1984 über die beiden Filme, die beim 41. Filmfestival in Venedig uraufgeführt wurden, unter anderem folgendes:

Aber es gab unter den mehr als hundert Filmen zwei, die nicht heiter waren, sondern finster und schrecklich, die Filme „Wundkanal – Hinrichtung für vier Stimmen” von Thomas Harlan und „Unser Nazi” von Robert Kramer. Wie ein böser Traum beherrschten sie das Festival und die Diskussionen. Sondervörführungen fanden statt, weil immer noch nicht alle die Filme gesehen hatten, und verstört, erregt, haßerfüllt kam man aus dem Kino, und in der Luft lag der alte, nie endende Streit über den nie endenden Faschismus. Es ging nicht mehr um so harmlose Dinge wie Kunst oder Kino, sondern um einen rechtskräftig verurteilten Massenmörder, um die filmische Hinrichtung dieses Mannes durch Thomas Harlan und um die Dokumentation dieser Hinrichtung durch Robert Kramer.

Bei Cargo-Film.de ist vor kurzem ein Artikel von Simon Rothöhler über die beiden Filme erschienen: “Opa war ein Nazi“. Im aktuellen Cargo-Magazin #01 ist ein Interview mit Thomas Harlan abgedruckt. Daraus folgender Auszug:

Harlan: [...] Ich habe den Film ja nach der Vorführung in Venedig 1984 noch einmal geschnitten. Der Film fing ursprünglich an mit der Vernehmung des Engländers, im Hintergrund die Kindertotenlieder. Das ging schief los.

Cargo: Das haben sie dann korrigiert, indem sie die Szenen der Beobachtung Filberts an den Anfang gestellt haben.

Harlan: Für die DVD werde ich noch eine Änderung machen. Wenn am Schluss Filbert an das Tunnelende kommt, sah man das bisher nur von hinten, von innen. Nun kommt er raus und geht auf die Kamera zu, die ungefähr 80 Meter von ihm entfernt ist, und hält sich den Revolver in den Nacken. Diese Szene, die ungefähr 102 Meter lang und stumm ist, werde ich vor den Film stellen.


wundkanal-dvd-brd-edition-filmmuseumEdition Filmmuseum 49

Ein alter Mann wird entführt und von seinen Kidnappern verhört. Dabei wird die Biografie eines Massenmörders freigelegt. Der heute Achtzigjährige war als einer der obersten SS-Führer für die Ermordung von Tausenden von Menschen in der Sowjetunion verantwortlich und “Erfinder” einer infamen Liquidationstechnik der Nazis: des fingierten Selbstmords politischer Gefangener. Thomas Harlan begnügt sich in Wundkanal nicht mit der Rekonstruktion der Geschichte dieses Schreibtischtäters, sondern zieht darüberhinaus Linien vom Nationalsozialismus bis zum Bau der Hochsicherheitstrakte im Stammheimer Gefängnis. Robert Kramer drehte seinen eigenen Film über Harlans provokatives Projekt: Notre Nazi dokumentiert die Dreharbeiten zu Wundkanal, einem sozialen Experiments, in dem Kinder von Opfern und Täter auf einen wirklichen Täter treffen und das über den fiktiven Prozeß in Wundkanal hinausweist.

  • Wundkanal 1984, 107′
  • Notre Nazi 1984, 116′
  • Der Film ‘Wundkanal’ 2007, 34′
  • Booklet mit Texten von Michael Farin und Jean Narboni

2 Kommentare

  1. Christian Liemke

    Ich habe den Beitrag um einen Auszug aus dem Cargo-Interview mit Thomas Harlan ergänzt. Darin sagt er, daß er den Film “Wundkanal” in einer Szenen für die DVD-Auswertung verändern wird.

  2. Christian Liemke

    Mittlerweile steht der wohl endgültige von “Wundkanal” fest: Die DVD der Edition-Filmmuseum kommt am 18. September 2009 auf den Markt.

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