Carl Theodor Dreyers herausragender Stummfilm “Die Passion der Jungfrau von Orleans / La passion de Jeanne d’Arc” [F 1928] mit Maria Falconettis als Jeanne d’Arc erscheint am 16. Februar 2012 endlich in Deutschland auf DVD. Der Film wird bei StudioCanal/Arthaus als “Arthaus Premium“-Doppel-DVD im DigiPak erscheinen. Angekündigt ist eine neu restaurierte und längere Fassung mit neu eingespielter Musik. Die Musik wurde vom renommierten Stummfilmpianisten Joachim Bärenz eingespielt. Die längere Laufzeit von ca. 97 Minuten resultierte daraus, dass der Film mit 20 Bildern pro Sekunden abgetastet wurde. Die US-amerikanische Criterion-DVD läuft mit 24 Bildern pro Sekunde und hat daher nur eine Laufzeit von ca. 82 Minuten.
Der Film feierte am 21. April 1928 seine Premiere in Kopenhagen. Dies sollte lange Zeit die einzige Aufführung der ursprünglichen Fassung darstellen. Am 25. Oktober 1928 wurde der Film erstmals in Paris aufgeführt, allerdings bereits in einer stark veränderten Fassung, denn französische Nationalisten machten Stimmung gegen den Film über Frankreichs Nationalheilige, weil er von einem nicht katholischen Dänen inszeniert wurde. Dreyer selbst war an den Änderungen nicht beteiligt und entsprechend erbost darüber. Bei einem Feuer der UFA in Berlin verbrannten am 6. Dezember 1928 die dort eingelagerten Kameranegativ-Materialien. Mit Hilfe von Filmprints und alternativen Einstellungen erstellte Carl Theodor Dreyer zusammen mit der Editorin Marguerite Beaugé eine fast identische Fassung des Films und davon ein neues Negativ. Dieses galt nach einem Brand in den Filmlaboren von G.M. de Boulogne-Billancourt im Jahr 1929 ebenfalls als verloren. Erst 1951 fand der Filmhistoriker Lo Duca in den Archiven von Gaumont ein Negativ des Films. Es sollte sich als das zweite von Dreyer und Beaugé erstellte entpuppen, das bei dem Brand eben nicht zerstört wurde. Lo Duca machte sich an die Arbeit und veränderte den Film grundlegend. Eine optische Tonspur mit klassischer Musik wurde über Teile des linken Bildrands gelegt und Zwischentitel durch Untertitel ersetzt. Nach dieser Aktion musste man das Negativ als verloren ansehen.
Arnie Krogh vom Dänischen Filminstitut versuchte den Film mit Hilfe aller existierender Prints zu rekonstruieren. Als Hauptmaterial diente ein vom zweiten Negativ erstellter Print. In einem unvollständigen Print des National Film Archives in London tauchten Einstellungen auf, die sonst in keiner weiteren Fassung enthalten waren. Deren Ursprung ist bis heute unbekannt.
1981 wurden in einem Schrank der psychatrischen Klinik Kikemark Sykehus in Oslo mehrere Filmdosen gefunden, die an das Norwegische Filminstitut übergeben wurden. Erst drei Jahre später wurden sie dort geöffnet. Sie enthielten die ursprüngliche Fassung des Films, noch eingewickelt in Papier mit dem dänischen Zensur-Stempel und der Jahreszahl 1928. Es ist bekannt, dass unzensierte Kopien des Films nach Kopenhagen gelangten und die dänische Zensur keinerlei Änderungen des Films verlangte. Somit ist davon auszugehen, dass es sich bei der sogenannten Oslo-Fassung um Dreyers usprüngliche handelt.
Carl Theodor Dreyers eindrucksvoller Stummfilm, der zu den ersten Kunstwerken der Filmgeschichte zählt, rekonstruiert die Ereignisse rund um den Prozess gegen die Jungfrau von Orléans anhand der historischen Prozessakten. Die der Ketzerei beschuldigte Heilige wird nach quälenden Verhören, Folter und einem widerrufenen Geständnis schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bewusst beschränkt sich Dreyer auf die Darstellung von Verhör, Verurteilung und Verbrennung der Jeanne d‘Arc und arbeitet konsequent mit Großaufnahmen. Maria Falconettis Darstellung der Jungfrau ging als eine der großartigsten darstellerischen Leistungen in die Filmgeschichte ein.
Zum 600. Geburtstag von Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orléans, erscheint Carl Theodor Dreyers Meilenstein der Filmgeschichte erstmals auf DVD. Die umfangreiche Arthaus Premium Edition beinhaltet nicht nur eine neu restaurierte und längere Fassung mit eigens eingespielter Musik zum Film, sondern auch ein umfangreiches Booklet und exklusives Bonusmaterial. Ein würdiges Denkmal für das Meisterwerk, das auf dem Toronto International Filmfestival 2010 auf Platz 1 der 100 einflussreichsten Filme aller Zeiten gewählt wurde!
- Bild: 1.33:1
- Ton: Stummfilm mit Musik
- Dokumentation “Wer war Johanna von Orléans?” (90 Min.)
- Dokumentation “Carl Theodor Dreyer – Mein Metier”
- Interview mit Helene Falconetti
- 16-seitiges Booklet


7. Januar, 2012
11:28 Uhr
Wobei ich sagen muss, das dies einer der ganz wenigen Filme ist, die am besten ohne Musik und nur durch die Bilder funktioniert.
7. Januar, 2012
11:48 Uhr
Bei der DVD wird es die Möglichkeit geben, den Film auch ohne Musik zu geniessen. Ich bin jedoch gespannt auf die neue Musik. Die “Visions of Light”-Musik der Criterion-DVD hat mir auch schon sehr gut gefallen. Schade nur, dass Kinowelt derzeit wohl keine Blu-ray des Films plant. Das wäre ein richtiges Highlight.
10. Januar, 2012
07:58 Uhr
StudioCanal gibt eine Laufzeit von 97 Minuten an. Die erstklassige US-Criterion-Version dauert aber nur ca. 80 Minuten. Im Bonusmaterial der US-Ausgabe wird klar, dass der Film in einigen Ländern nur deshalb 17 Minuten länger dauert, weil die Abspielgeschwindigkeit vom Original differiert, wobei der Film in diesen Fällen “langsamer” abgespielt bzw. kopiert wird. Wäre zu hoffen, dass die Arthaus-Fassung zwischenzeitlich aufgefundene Szenen erhält und somit auch trotz schnellerer (= originaler) Abspielgeschwindigkeit auf 97 Minuten käme. Das wäre zum ohnehin schon unverzichtbaren Meisterwerk der Filmkunst beinahe eine Sensation. Dreyer war ein wahres Genie!
10. Januar, 2012
09:15 Uhr
Neue Szenen sind nicht zu erwarten, denn wie ich im Artikel schon geschrieben habe, handelt es sich bei der sogenannten Oslo-Fassung um Dreyers Schnittversion. Es fehlt eben nichts.
Zum Laufzeitunterschied zur Criterion-DVD hat mir Torsten Radeck von StudioCanal eine eMail geschrieben:
11. Januar, 2012
13:04 Uhr
Danke Herr Liemke für die Info. Ich habe mir gestern Abend die Criterion-Fassung nochmals angesehen, zusammen mit der Komposition “Voices of Light” von Richard Einhorn.
Herr Radeck hat sicher Recht, wenn er sagt, eine Vorführung mit 20 B/S wäre noch eindrucksvoller. Ich freue mich schon auf die Arthaus-Version – die Premium-Titel sind ja immer ihr Geld wert, siehe “Der Prozess”. Wäre klasse, wenn sich SudioCanal des arg geschundenen “Dersu Uzala” von Kurosawa annehmen würde, aber das Leben ist ja leider kein Wunschkonzert…
25. Januar, 2012
07:27 Uhr
Wird laut Ankündigung von Masters of Cinema vermutlich im Frühjahr 2013 auf Blu-ray erscheinen!