Von heute an bis zum 15. November 2009 wird Bielefeld wieder zu einem kleinen Mekka für Freunde des Stummfilms. Um 20 Uhr startet das 20. Musik+Filmfest Bielefeld mit der Aufführung von Friedrich Wilhelm Murnaus “Sonnenaufgang / Sunrise: A Song of Two Humans” [USA 1927]. An sechs weiteren Tagen werden in vier Abend- und zwei Matinee-Vorstellungen weitere sechs Stummfilme folgen, die in diesem Jahr zum Thema “Rivalen” ausgewählt wurden.
Freitag 06.11.2009 | 20:00 Uhr | Rudolf-Oetker-Halle
“Sonnenaufgang / Sunrise: A Song of Two Humans” [USA 1927, Friedrich Wilhelm Murnau]
Uraufführung der Neukomposition von Axel Goldbeck, unter seiner Leitung gespielt vom Cinematografischen Orchester
In Murnaus erstem, extrem aufwändig inszenierten amerikanischen Film kämpfen zwei Frauen, eine vom Lande, eine aus der Großstadt, um denselben kernigen Naturburschen, wenn auch mit extrem unterschiedlichen Mitteln. Und alles läuft ganz anders als gedacht, denn die brave blonde Landfrau findet Gefallen an der aufregenden Großstadt und ihr vom Vamp verführter Gatte sieht sie plötzlich mit anderen Augen. Am Ende übernimmt ein reinigendes Gewitter die Entscheidung.
Zwischen den optischen Polen ländlicher Idylle und pulsierender Großstadt verband Murnau meisterhaft Überblendungen, abgestufte Tönungen, subtile Kameraführung und Schatteneffekte. Seine Bildmontage entspricht meisterhaft dem (stummen) Erzählrhythmus und spiegelt die Emotionen und Stimmungen des Trios adäquat wider. »Sunrise« erhielt bei der allerersten Oscarverleihung vor 80 Jahren gleich drei Trophäen.
Axel Goldbecks neu komponierte Filmmusik zu »Sunrise« verspricht eine Mischung aus Jazzelementen, Kompilationsklassikern und Swing.
Samstag 07.11.2009 | 20:00 Uhr | Rudolf-Oetker-Halle
“Die keusche Susanne” [D 1926, Richard Eichberg]
Uraufführung der Neukomposition von Bernd Wilden, unter seiner Leitung gespielt von den Hagener Philharmonikern
Die freche Susanne führt ein aufregendes Doppelleben. In ihrem Provinznest gilt sie als Inbegriff der Tugendhaftigkeit; in Paris aber wird sie als Königin der Nacht von Männern umschwärmt. Sie wirft dort ein Auge auf den charmanten René. Der möchte eigentlich die kecke Jacqueline heiraten; ist bislang aber an ihrem Vater gescheitert. Doch nun bietet die vermeintliche Dreiecksbeziehung einen willkommenen Vorwand, das Einverständnis des Moralapostels zu erhalten, der beim turbulenten Finale im Moulin Rouge noch gründlich kompromittiert wird …
Komisch und charmant zugleich entlarven die beiden »Rivalinnen« hier die verstaubten Konventionen ihrer Zeit. Eichberg inszeniert die bekannte Operette – zu ihr gehört der Evergreen »Puppchen, du bist mein Augenstern« – mit Humor, Leichtigkeit und einem sicheren Gespür für Timing und Witz. Dieser Film führte das erste Traumpaar des deutschen Films, Lilian Harvey und Willy Fritsch, noch ohne Musik zusammen.
Der Bielefelder Komponist und Dirigent Bernd Wilden, von dem wir zuletzt auf dem 18. Film+MusikFest 2007 eine neue Musik für »Die Büchse der Pandora« hörten, komponierte für »Die keusche Susanne« eine symphonische Filmmusik, die zum 20. Festival uraufgeführt wird. Die Veranstaltung wird von der Hanns-Bisegger-Stiftung gefördert.
Sonntag 08.11.2009 | 11:30 Uhr | CineStar
“Borderline” [GB 1930, Kenneth MacPherson]
Musik: Leptophonics
In einem Schweizer Bohemienhotel sorgt die Affäre zwischen der schwarzen Ada und dem weißen Thorne für Aufregung. Die steigert sich, als Thornes Ehefrau auftaucht und ihn mit einem Messer angreift. Kurz darauf verschwindet sie unter mysteriösen Umständen; Thorne gerät unter Mordverdacht. Und dann trifft auch Adas Mann Pete ein …
Der Brite Kenneth Macpherson, Herausgeber der Filmzeitschrift »Close up«, publizierte ein Magazin für avantgardistische Kunst und drehte zusammen mit Freunden mehrere Filme. In »Borderline«, seinem bekanntesten Werk, ist auch seine Frau und Mäzenin, die feministischen Schriftstellerin Bryher, und der amerikanische Sänger und Bürgerrechtler Paul Robeson zu sehen. Der Film steht in der Tradition des psychoanalytisch-surrealistischen Films; filmhistorisch ist die meisterhafte Schnitttechnik herausragend. Macpherson verbindet zunächst filmisch das Drama der Paare, um es dann eindrucksvoll eskalieren zu lassen. Seine »Rattermontage« gilt als perfekte Synthese der formalen Experimente des stummen Avantgardekinos in Europa. Für 1930 war der Film vermutlich zu gewagt; inzwischen gilt er längst als Meisterwerk.
Das Bielefelder Saxophonduo Leptophonics hat sich für das Film+MusikFest seit Jahren auf britische Stummfilme spezialisiert. Andreas Kaling und Andreas Gummersbach begleiten »Borderline« mit Jazzimprovisationen auf verschiedenen Blasinstrumenten.
Donnerstag 12.11.2009 | 20:00 Uhr | CineStar
“Express 300 Meilen / Tokkyu sambyaku-ri” [J 1928, Genjiro Saegusa]
Musik: Günther A. Buchwald
Der Eisenbahner Shintao, der die neuen Express 300 fährt, die schnellste Lokomotive Japans, vermindert mit halsbrecherischem Einsatz ein Unglück. Unter den geretteten Passagieren entdeckt er eine junge Frau, die ihn interessiert. Als sie kurz darauf versucht, sich das Leben zu nehmen, rettet er sie. Er erfährt, dass Omiyo als Kind an einen skrupellosen Zirkusdirektor verkauft wurde, der sie seither als Eigentum betrachtet. Im Tod sieht Omiyo den einzigen Ausweg. Aber Shintao will das nicht hinnehmen; abermals rast er mit seinem Zug durch die Nacht…
Eigentlich sollte Genjiro Saegusa im Auftrag des Eisenbahnministerium einen Werbefilm über die technischen Leistungen der Express 300 drehen. Doch am Ende entstand ein spannungsgeladener Actionstreifen. Rasant geschnittene Szenen steigern die Spannung bis zur letzten Sekunde; zumal der Eisenkoloss in der tollsten Szene außer Kontrolle gerät. Der Regisseur arbeitete mit mehreren Zügen und Loks, um die Geschwindigkeit und Gewalt des schnellsten Zuges seiner Zeit perfekt in Szene zu setzen. Hinsichtlich der Actionsequenzen gilt der Film als Meilenstein. Damals erlebte der japanische Film mit Genjiro Saegusa als einem seiner bekanntesten Vertreter eine erste Glanz; heute ist der Regisseur fast in Vergessenheit geraten.
Günther A. Buchwald, Stummfilmspezialist, Komponist, Pianist, Multiinstrumentalist aus Freiburg, begleitet den Film nicht nur am Klavier.
Freitag 13.11.2009 | 20:00 Uhr | Rudolf-Oetker-Halle
“Die Ehe im Kreise / The Marriage Circle” [USA 1924, Ernst Lubitsch]
Musik: Die Bielefelder Philharmoniker unter Leitung von Helmut Imig
Eine Veranstaltung des Theater Bielefeld
Im Kreise dreht sich hier die – vermeintliche – Untreue von zwei Ehepaaren. Professor Stock ist unglücklich verheiratet; seine frustrierte Frau Mizzi versucht, ihrer glücklich verheirateten Freundin Charlotte den Mann abspenstig zu machen, indem sie Misstrauen zwischen den beiden sät. Derweilen flirtet ein Freund ihres Mannes mit Charlotte. Diese verdächtigt ihren Mann, eine Affaire zu haben und bittet ausgerechnet Mizzi, ihn zu beobachten …
Ernst Lubitsch, der Meister der »Sex Comedies«, verleiht seinem Werk mit Verwechslungen, Täuschungen, Rollentauschen und überraschende Wendungen den unnachahmlichen »Lubitsch-Touch«. In dieser turbulenten Komödie löst nicht die Wahrheit alle Missstimmungen auf, sondern eine elegante gespielte Lüge, die der Regisseur als Wahrheit verkauft. Und das Publikum glaubt ihm nur zu gern. »Der vollkommenste Film, der bis jetzt geschaffen wurde. Der vollkommenste, weil der filmischste« (Herbert Ihering, 1924)
Der international renommierten Stummfilmspezialist Helmut Imig, der fast von Anfang an das Film+MusikFest bereichert hat, hat nach »So this is Paris« auch zu dieser Lubitsch-Komödie Kompilationsmusik mit dem bewährten »Imig-Touch« arrangiert, unter seiner Leitung spielen wieder die Bielefelder Philharmoniker.
Samstag 14.11.2009 | 20:00 Uhr | Rudolf-Oetker-Halle
“Straßenjagd mit Speedy / Speedy” [USA 1928, Ted Wilde]
Musik: Daniel Kothenschulte am Piano
Harold ist hier der nette Junge von nebenan. Er könnte es längst zu etwas gebracht haben, aber er hegt eine verhängnisvolle Leidenschaft für Baseball. Der Großvater seiner hübschen Freundin betreibt die letzte Pferdetrambahn New Yorks. Als ein skrupelloser Straßenbahnunternehmer ihn enteignen will, schlägt Harolds Stunde. Mit Mut und Cleverness lässt er nichts unversucht, um die Pferdetrambahn zu retten.
Harold Lloyd war neben Charlie Chaplin der erste Superstar Hollywoods. Fast im Wochentakt produziert er mit Hal Roach seine populären Kurzfilme. Bis heute wird Harold Lloyd als einer der »Großen Vier« der Stummfilmkomödie geliebt. Dank seiner atemberaubenden Hochhausakrobatik insbesondere in »Safety Last«, den wir im vergangenen Jahr gezeigt haben, gilt er auch als Erfinder der »Thrill Comedy«. Aber trotz rasanter Straßenjagden zeigt »Speedy«, dass der Junge mit der Hornbrille auch in der romantischen Komödie zuhause ist.
Der Kölner Filmjournalist, Filmkritiker und Filmsammler Daniel Kothenschulte, auch ein Stammgast des Film+MusikFestes, begleitet den Film am Piano. Er schreibt regelmäßig für die »Frankfurter Rundschau«, den »Kölner Stadtanzeiger« und den »film-dienst«.
Sonntag 15.11.2009 | 11:30 Uhr | CineStar
“Dornröschen” [D 1917, Paul Leni]
Musik: Matthias Klause-Gauster am Piano
Die schöne Prinzessin Dornröschen wird nach ihrer Geburt von einer Hexe verflucht. An einer Spindel soll sie sich stechen und für immer einschlafen. Doch eine gute Fee begrenzt den Fluch auf hundert Jahre. Und dann ist da ja auch noch der Prinz …
Nach den meist schlichten Theaterkulissen früher Stummfilmproduktionen glänzt diese Märchenverfilmung mit akkurat konstruierten spätgotischen Räumen und Fassaden. Paul Leni, der auch als Maler, Designer und Kameramann arbeitete, entwarf die prächtigen Kostüme nach Bildern aus der Dürerzeit. Sein »Dornröschen« steht am Anfang der Ära monumentaler Kostümfilme wie »Madame Dubarry« von Ernst Lubitsch, die das deutsche Kino bis zur Mitte der zwanziger Jahre mit prägen.
Der Bielefelder Pianist Matthias Klause-Gauster begleitet den Film mit Improvisationen am Klavier.
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